Nach dem letzten Atemzug - Leseprobe

Die beiden Flüchtenden rannten. Liz durchlief die Tür mit etwas Vorsprung. Ihr dicht auf den Fersen folgte Harry und holte auf. Schulter an Schulter sprangen sie die Treppen hinab, erreichten den Garten und hielten erst inne, als sie das Tor passiert hatten. Das dauerte nicht länger als eine Minute, dann kehrte wieder Stille im Haus ein.

Harry und Liz alias Babsi erlaubten sich erst in sicherer Entfernung des Hauses eine Verschnaufpause. Beiden befanden sich in unterschiedlichen Ankleidungsphasen. Liz trug ihre Stilettos im Arm, das Kleid war hochgerutscht, um ungehindert rennen zu können. Mit einem Arm war sie ins Cape geschlüpft, so ging es nicht verloren. Harry Hose konnte er nicht während dem Laufen schließen, darum hielt er sie vorne zusammen. Mit der anderen Hand umklammerte er sein Jacket, das Hemd hatte er an, aber auch nur zur Hälfte. Die Schuhe hatte er an, doch die Socken musste er zurücklassen. Er hatte es eilig, weg zu kommen.

»Moment mal!« Liz hielt ihn am Ärmel fest: »Sie sind gar nicht Lacroix! Was sollte das eben da drin?«

»Können Sie sich das nicht denken? Und, jetzt sind wir quitt.« Er löste ihre Hand von seinem Arm. »Was hatten Sie da für ein Date? Sind Sie vom Begleitservice? Wie weit wären Sie denn gegangen?«

Sein Ton und diese Lügen, sie sah rot! »Sie eingebildeter Fatzke! Sie denken nur immer ans eine!«

Harry zog eine Braue hoch: »Genau! Jetzt wo Sie es sagen.« Bis vor wenigen Minuten hatte sie noch ganz hemmungslos 'an das eine' gedacht. Doch nun hatte sich die kurze Liebelei in ihren Augen plötzlich in ein perverses Spiel verwandelt.

»Sie, Nullnummer!« Heiße Röte stieg ihr ins Gesicht. Sie hatte sich mit ihrem zügellosen Verhalten in diesen Gefühls-Schlammassel gebracht. Und nun unterstellte er ihr auch noch, dass sie sich prostituiert, was sich aus seinem Mund richtig abartig anhörte. Wütend riss sie an ihrem Rock, um ihn zu richten. Der Mann war ein Kotzbrocken.

Harry meinte behutsam: »Wussten Sie nicht, dass Lacroix seine Hände in diversen kriminellen Geschäften hat, das reicht von der Drogenmafia bis zur Waffenschieberei. Passen sie auf, dass er sie nicht in diesen Verbrechersumpf hineinzieht.«

»Woher wissen Sie das alles? Aha, mir dämmert's. Sie sind von der Polizei. Nein, das kann nicht sein, Sie wurden ja verhaftet.« Sie zog nachdenklich ihre Unterlippe zwischen die Zähne. Das weckte bei Harry die Sehnsucht nach dem Gefühl ihrer weichen Lippen. Er hätte am liebsten seine Finger durch ihre zerzausten Haare gleiten lassen, sie in die Arme geschlossen und ihr versichert, dass alles Gut würde.

Doch Liz hatte nichts von seinen Tagträumen mitbekommen. Sie fuchtelte weiter mit ihren spitzen Schuhen vor ihm herum, schließlich tippte sie ihm anklagend auf die Brust. »Ich habs! Sie sind ein Privatschnüffler!« Das festgestellt, platzierte sie ihre Stilettos vor sich hin und schlüpfte balancierend rein.

Er hatte nur ein Grinsen. »Sie haben zu viele Krimis gesehen. Keines von beidem trifft zu. Sie haben noch einen Wunsch frei. Dann verwandle ich mich von Prinz Charming wieder in eine Kröte zurück.«

»Ach, Sie verwandeln sich noch? Ich dachte, das hatten sie bereits«, schnappte sie.

»Pah!« Die Situation war verfahren und so würde er nie herausfinden, was sie bei Monsieur zu tun hatte. »Es geht mich ja nichts an, aber warum dieses Date bei einem fremden Mann? Er hätte ein perverser Verbrecher sein können.« Was er sicher auch ist, fügte er in Gedanken hinzu. »Sie haben das doch nicht nötig. Für sie ist es sicher kein Problem einen Mann kennen zulernen. Außer, sie stehen auf solche Spiele?«

»Sie haben recht: Es geht Sie nichts an.« Sie riss wild an ihrem Cape, um in den anderen Ärmel zu schlüpfen, was nicht gelingen wollte. Verletzt und mit einem Schlag, abgrundtief traurig über ihre geplatzten Träume, schaute sie um sich. »Und wegen eben: Bilden Sie sich da bloß nichts ein!«

Bestürzt macht er einen Schritt auf sie zu. Er hätte sie gerne geschüttelt, sie zur Vernunft gebracht. Sie belog nicht nur ihn sondern auch sich selbst. Aber es hatte keinen Zweck. »Denken Sie doch was sie wollen.«

»Genau, das tu ich«, sagte sie, schickte sich an ihm erneut auf die Brust klopfen zu wollen, überlegte es sich dann anders, drehte sich ab und ging. »Adieu!«

Dabei kämpfte sie genervt weiter mit dem verdrehten Ärmel. Das sah sehr komisch aus. Nur Harry war es nicht ums Lachen. Eine seltsame Leere breitete sich in ihm aus, als hätte sie ihn mit Haut und Haaren verschlungen, durchgekaut und wieder ausgespuckt. Ein Blick an sich hinunter ließ ihn den Kopf schütteln über ihren Einfluss auf ihn. In ihrer Gegenwart vergaß er sich völlig, zum Beispiel sich ordentlich anzuziehen. Sein ursprünglicher Plan, sie auszuhorchen war tüchtig misslungen. In ihrer Gegenwart brachte er die einfachsten Aufgaben nicht auf die Reihe. Und hinterher war er verwirrter denn je.